Es gibt Freistösse – und es gibt den Freistoss von Roberto Carlos gegen Frankreich im Juni 1997. Wer das Video heute im Vintage Football Café auf einem Bildschirm laufen lässt, merkt schnell: Gäste verstummen, lehnen sich nach vorne und fragen sich erneut, wie dieser Ball überhaupt ins Tor fliegen konnte. Und auch hier spielt ein Trikot die heimliche Hauptrolle: das gelbe Brasilien‑Shirt mit der Nummer 6, das seit diesem Tag untrennbar mit einem „unmöglichen“ Schuss verbunden ist.
Ein Jahr vor der WM 1998 richtet Frankreich ein Vorbereitungsturnier aus: das Tournoi de France. Am 3. Juni 1997 trifft Brasilien im Stade de Gerland in Lyon im Eröffnungsspiel auf die Équipe Tricolore. Es ist eigentlich nur ein Test – doch nach 21 Minuten passiert etwas, das ins kollektive Fussballgedächtnis eingehen wird. Nach einem Foul an Romário erhält Brasilien einen Freistoss, rund 35 bis 40 Meter vom Tor entfernt, leicht rechts der Mitte. Didier Deschamps hat den Stürmer gelegt, Fabien Barthez beginnt, seine Mauer zu stellen.
Über dem Rasen steht ein typischer Frühsommerhimmel, die gelben Brasilien‑Trikots leuchten im Flutlicht. Dunga steht zunächst am Ball, doch von links trabt ein bulliger Linksverteidiger mit Oberschenkeln wie Baumstämme heran: Roberto Carlos. Wer ihn kennt, weiss: Dieser Freistoss gehört ihm.
Roberto Carlos legt den Ball sorgfältig hin, dreht ihn ein wenig, so dass das Ventil in seine Richtung zeigt – ein Detail, das er später mehrfach erwähnen wird. Dann läuft er an, nicht in gerader Linie, sondern in einem leicht gebogenen Bogen: zwölf, fünfzehn Meter Anlauf, fast vom Anspielkreis aus. Mit dem Aussenrist seines linken Fusses trifft er den Ball unten rechts, hart und mit enormem Effet.
Zunächst sieht der Schuss völlig verunglückt aus: Der Ball fliegt weit rechts an der Mauer vorbei, so weit, dass einige Zuschauer meinen, er gehe ins Aus. Barthez macht keinen Hechtsprung, sondern einen Kontrollschritt – der Ball ist scheinbar ausser Reichweite und ohnehin neben dem Tor. Doch dann passiert etwas, das eher an Billard als an Fussball erinnert: Während der Ball langsamer wird, bleibt der Spin gleich stark. Die Flugbahn beginnt immer stärker zu kippen. Der Ball zieht eine immer steilere Kurve, eine Art Spirale, die Physiker später mit dem Magnus‑Effekt erklären werden.
Statt im Seitenaus landet der Schuss plötzlich im Tor: Der Ball schlägt an der Innenkante des linken Pfostens ein und zappelt im Netz. Barthez steht wie angewurzelt, die französische Mauer dreht sich ungläubig um, und Roberto Carlos wird von seinen Teamkollegen fast begraben. Dieses Tor ist so spektakulär, dass Wissenschaftsteams Jahre später Aufsätze und Simulationen veröffentlichen, um die Flugbahn zu analysieren.
Auf allen Fotos dieses Moments leuchtet das Brasilien‑Heimtrikot der späten 90er‑Jahre: sattes Gelb, grüne Bündchen, klassisches CBF‑Wappen auf der Brust, Nike‑Swoosh daneben. Auf dem Rücken prangt die grüne „6“ von Roberto Carlos. Es ist ein Design, das viele mit Ronaldo, Romário oder Rivaldo verbinden – doch an diesem Abend gehört es dem Linksverteidiger.
Retro‑Shops bieten heute genau dieses Trikot als „Roberto Carlos 1997“ an, oft ausdrücklich verknüpft mit dem Freistoss in Lyon. Der Stoff ist mit Erinnerung aufgeladen: Schlafzimmerwände von Teenagern, die den Schuss dutzende Male nachgestellt haben; Bolzplätze, auf denen sich alle versuchten, den Ball „so weit wie möglich neben das Tor“ zu schiessen, in der Hoffnung, dass er plötzlich doch eindreht.